Urteilen, verurteilen ist so verdammt einfach. Man muss sich keine Gedanken machen, sich nicht einfühlen, nicht versuchen zu verstehen. Man packt in eine Schublade und muss niemals mehr überdenken. Unendliche Regale, unendliche Schubladen. Für jedes Gedankenmuster, für jede Art der Persönlichkeit, jeden Charakter. Eingesperrt in eine Schublade aber kann das Individuum sich nicht mehr entfalten, denn sie engt ein, zwängt in eine Form mit dem Vorurteil, dass alle eben gleich sind, sofern sie einen Wesenszug haben. Dabei ist die Persönlichkeit so Vielschichtig. Unendliche Variationen an Unentdecktem, das man erst nach dem zweiten aufmerksamen Blick erkennen möge. Es kann sein, dass man zuerst die Dornen erblickt, sich schneidet, sich verletzt, einen Tropfen Blut verliert, bevor man die vollends entfaltete Rose erblickt. Die Schublade nun nimmt der Rose die Freiheit sich in Schönheit und Einzigartigkeit zu entfalten. Sie verkümmert in der Dunkelheit der Selbstzweifel, die Andere in ihr geschürt haben. Unvorsichtig, vielleicht leichtsinnig, aber damit nicht automatisch auch unschuldig.
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